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Katjuscha: Ohrwurm, Kulturgut oder propagandistischer Militärmarsch?

Vonadmin

17. September 2026

Die spezielle Sicht von Berliner Behörden



Eine Vorbemerkung: Was haltet Ihr von Katjuscha als „Marsch- und Militärlied“?Verbindet Ihr mit dem Lied Erinnerungen? Schreibt uns, wir sind an Euren Gedanken interessiert. Entweder unter Kontakt/Hinweise/Anreguungen auf der website oder per Mail: kontakt@russlandistnichtunserfeind.de


Vielleicht mögt Ihr Euch zuerst das Lied (auf deutsch) anhören? Link: https://www.youtube.com/watch?v=0ilwFGQl1fc

1. Wir haben bewusst die Kundgebung aus Anlass des 85. Jahrestags des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion mit einem „Weg des Gedenkens“ zum sowjetischen Ehrenmal in Tiergarten beendet. So war es angekündigt und so wurde es gemacht: Auf dem Weg wurden keine Parolen skandiert, am Ehrenmal selbst waren keine Reden, keine Musik vorgesehen, es gab dort auch keine entsprechende Anlage. Als sich um den Russischen Botschafter eine kleine Gesprächsrunde bildete, kamen „Drushba“- Rufe auf, die Menschen fingen an, „Kleine weiße Friedenstaube“ zu singen und dann auch „Katjuscha“, ein 1938 geschriebenes Lied, das schnell zu einem populären Schlager wurde. Während des Zweiten Weltkrieges wurde es nicht nur in der Sowjetunion und von Soldaten der Roten Armee, sondern auch an anderen Fronten gesungen. Schon damals hat sich das Lied auch in Westeuropa und den USA verbreitet. Eine frühe Version aus dem Jahr 1945 stammt von dem US-amerikanischen Jazz-Musiker und Swing-Entertainer Nat King Cole (https://www.google.com/search?client=safari&rls=en&q=Nat+King+Cole+Katjuscha&ie=UTF-8&oe=UTF-8). Auf der Kundgebung am Sowjetischen Ehrenmal wurde nichts „abgespielt“, die Lieder kamen genauso spontan aus der Menge wie vorher die Drushba-Rufe, ganz ohne Aufforderung, Vorsänger oder Dirigenten.

2. Als Beispiel für die auf der Kundgebung verbotenen „Militär- und Marschlieder“ war in dem Bescheid vom 19. Juni 2026 einzig auf den „Heiligen Krieg“hingewiesen. Dass auch „Katjuscha“ der Kategorie „Militär- und Marschlieder“ zugeordnet sein könne, wäre mir im Traum nicht eingefallen.

3. Zuerst wegen des Textes, hier in der deutschen Übertragung von Alexander Ott, 1949:

1. Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten,

still vom Fluss zog Nebel noch ins Land;

durch die Wiesen kam hurtig Katjuscha

zu des Flusses steiler Uferwand.

2. Und es schwang ein Lied aus frohem Herzen

jubelnd, jauchzend sich empor zum Licht,

weil der Liebste ein Brieflein geschrieben,

das von Heimkehr und von Liebe spricht.

3. Oh, du kleines Lied von Glück und Freude,

mit der Sonne Strahlen eile fort.

Bring dem Freunde* geschwinde die Antwort,

von Katjuscha Gruß und Liebeswort!

4. Er soll liebend ihrer stets gedenken,

ihrer zarten Stimme Silberklang.

Weil er innig der Heimat ergeben**,

bleibt Katjuschas Liebe ihm zum Dank.

5. Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten;

still vom Fluss zog Nebel noch ins Land.

Fröhlich singend ging heimwärts Katjuscha,

einsam träumt der sonnenhelle Strand.

  • im russ. Original: Krieger, Kämpfer, Grenzsoldat; ** er soll die Heimat schützen

4. Zum Verständnis von „Katjuscha“ beziehe ich mich u.a. auf die „Bamberger Anthologie“ (https://deutschelieder.wordpress.com/?s=Katjuscha), ein wissenschaftlich fundiertes und anerkanntes Projekt der Literaturwissenschaft an der Universität Bamberg. In der Anthologie werden deutsche Liedtexte (von Volksliedern bis Pop) gesammelt und interpretiert. Dort wird „Katjuscha“ als „russisches Liebeslied“ bezeichnet, das noch vor dem Zweiten Weltkrieg „in russischen Bevölkerungskreisen derart populär (wurde), dass man geradezu von einem Hit sprechen könnte.“ Die Popularität von „Katjuscha“ unter Soldaten der Roten Armee und ihren Angehörigen vergleichen einige Historiker – auch darauf wird in der Bamberger Anthologie hingewiesen – mit der Bedeutung von „Lili Marleen“ für deutsche Frontsoldaten; auch so ein Lied, das man schwerlich als „Militär- und Marschlied“ bezeichnen kann. Und nur, weil Soldaten wohl auf beiden Seiten der Front die „Stalinorgel“ auch als „Katjuscha“ bezeichnet haben, wird aus dem Lied kein Kriegslied.

5. Rhythmisch und melodisch passt „Katjuscha“ so gar nicht in die Kategorie „Marsch- und Militärlied“. Es hat nichts von „Gleichschritt, Marsch!“. International hat sich das Lied aber gerade wegen seiner Melodie so weit und stetig über mehrere Jahrzehnte auch in der westlichen Popkultur verbreitet. Dafür einige Beispiele: Der westeuropäische Megahit „Casatchok“ des belgischen Musikers Dimitri Dourakine (mit bürgerlichem Namen Leo Caerts) stürmte 1969 wochenlang die Plätze 1 der Charts. Der Italo-Disco-Klassiker der 80er Jahre U.S.S.R. von Eddy Huntington nutzt die Melodie von“Katjuscha“ im Refrain. Bis heute existieren unzählige Club- und Hardbass-Remixe. So besehen, könne man „Katjuscha“ eher als gesamteuropäisches Kulturgut verstehen.

6. Abschließend: Wir haben bewusst die Kundgebung enden lassen mit dem „Weg des Gedenkens“. Wir wollten den sowjetischen Opfern des von Deutschland ausgegangen Raub- und Vernichtungskrieges gedenken und ihnen danken. Sie waren es, die diesem „Krieg wie kein anderer“ (Jochen Hellbeck) ein Ende gesetzt haben. Wenn in dieser Situation an jenem Ort Menschen das Bedürfnis haben, den Toten und ihren Angehörigen näher zu kommen, indem sie ein Lied singen, das auch jene Getöteten gesungen haben, dann richtet sich das gegen nichts und niemanden heute; es ist kein kriegsverherrlichender Akt, sondern ein Zeichen von Dankbarkeit und dem Wunsch nach Versöhnung.

Christiane Reymann

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