preloader

1945 Naumburg/Saale – Kriegsgefangene, Flüchtlinge, GI´s und Rotarmisten – Gisela Kroll

Vonadmin

17. März 2026

zum Hören:

zum Lesen:

Ich wurde am 22. Juni 1932 in Naumburg/Saale geboren, 1939 kam ich zur Schule, zu meinem Schulweg führte gehörte eine Straße, die von Osten über Naumburg in Richtung Thüringen verlief, also eine wichtige Route, auch für internationale Transporte und Fahrten.

Meine Erinnerungen: Im Januar 1945 herrschte klirrende Kälte. Das erste berührende Erlebnis war für mich damals Zwölfjährige, als ich an Flüchtlingstrecks vorbeiging, ein Pferdewagen hinter dem anderen lückenlos, mit Planen oder Teppichen abgedeckt. Die vermummten Kutscher mussten nebenher gehen, sonst verweigerten die Pferde auf dem vereisten Pflaster. Ich hatte schon von den Trecks gehört und gelesen, aber sie zu sehen, war bewegend, ja schrecklich. Eine unheimliche Stille beherrschte das Bild, unterbrochen vom Klirren der Pferdehufe, kein menschlicher Laut war zu hören, Grabesstille.

Ende Januar oder Anfang Februar hatte ich auf dem Heimweg die nächste unvergessliche Begegnung. Von weitem sah ich eine sich langsam vorwärtsschiebende graubraune Schlange. Näherkommend erkannte ich gefangene Rotarmisten in einem unbeschreiblichen Zustand. Alle ohne Stiefel, nur Fußlappen an den Füßen. Bei der Kälte! Die Gefangenen konnten nicht mehr gehen, sie schoben sich kraftlos vorwärts. An den Bäumen, die Rad- und Fußweg trennten, saßen die völlig Entkräfteten mit geschlossenen Augen und hängendem Kopf. Vielleicht waren einige schon tot, als ich vorbeiging. Ich sah den Todesmarsch, die Qualen der Opfer nazistischer Ideologie, für mich damals nur unglaublich gequälte, hilflose Menschen.

Als ich nach Hause kam, standen Frauen im Hausflur und berieten voller Mitleid, ja Entsetzen, ob sie irgendwie helfen könnten, aber das war sinnlos. Sie hatten auch Angst vor den Bewachern mit ihren Maschinenpistolen. Als es dämmerte, hörten wir Schüsse. Wir sahen, dass die völlig Hilflosen erschossen und ihre Leichen auf einen LKW „geschmissen“ wurden. Nie wieder erlebte ich solche Grausamkeit, solche Unmenschlichkeit. Diese Begegnung prägte mein Russland-Bild, die strikte Ablehnung der Russenphobie, wohl wissend, dass viele Opfer gar keine ethnischen Russen waren. Die Soldaten der Roten Armee rekrutierten sich aus 15 Sowjetrepubliken, damals wie heute alle „Russen“ genannt.

Im März erlebte ich den Rückzug deutscher Truppen. Verhärmt, in abgetragenen Uniformen, müde, hoffnungslos zogen sie durch die Stadt auf verdreckten Fahrzeugen. Das tat auch weh. Sie waren unsere Helden, unsere Beschützer gewesen. Jetzt lag eine ungewisse Zukunft vor uns.

Ich weiß das Datum nicht mehr, wann die amerikanischen Bombenangriffe begannen, die ein normales Leben unmöglich machten, auch den Schulbesuch. Naumburg war Garnisonstadt gewesen. Außer Kasernen standen am Rande auf riesigem Gelände das Heeresverpflegungs-, das Heerespanzer- und das Heereszeugamt. Die wurden völlig zerbombt, auch in der Stadt entstanden Bombenschäden. Im Luftschutzkeller hört man nur das Pfeifen der fallenden Bomben und ihre Explosionen und hofft aufs Überleben. Ich habe in meinem langen Leben nie wieder Todesangst verspürt.

Am 12. April zog eine Truppe der US-Armee in die Stadt ein. Der deutsche Kommandant war geflohen, und der Oberbürgermeister übergab Naumburg kampflos. Welche Erleichterung! Vorsichtig, nach anfänglicher Scheu näherten wir uns den Befreiern, wie sie später genannt wurden. Ich war im „Dritten Reich“ aufgewachsen und hatte noch nie einen Farbigen gesehen. Der Anblick solcher Soldaten und Offiziere bereitete mir zunächst Unbehagen. Die Aufmachung aller GiS verblüffte. Sie kamen in blankgeputzten Schuhen, mit Bügelfalten in den Hosen und gepflegtem Haarschopf. Wenn sie lachten, entblößten sie schneeweiße Zähne, und sie lachten viel, nicht mit uns, sondern über uns.

Sofort wurde eine ganze Straße geräumt für Offiziersquartiere. Wo die deutschen Frauen mit ihren Kindern blieben, kümmerte die Amerikaner nicht. Nachts galt Ausgangssperre, die Stadt durften und konnten wir nicht verlassen. Der Zugverkehr war unterbrochen, unmöglich auch wegen der gesprengten Brücken, irgendwann funktionierte die Post wieder, wenn auch zögernd. Sofort begann die Registrierung aller Einwohner, auch ich bekam einen Ausweis. Gehungert haben wir in der Zeit nicht. Die Besatzung hatte eigene Vorräte, meist in Weißblechbüchsen, die wir gar nicht mehr kannten. Die ersten Zeitungen erschienen in ungewöhnlichem Format und Papier, das unseren Löschblättern glich. Darin erfuhren wir, dass auch am 12. April Amerikaner das KZ Buchenwald befreit hatten. (Dabei war der Großonkel Obamas, wovon sein Großneffe viel später beeindruckt sprach.) Die schlimmsten Erinnerungen an die „amerikanische Zeit“ sind mit dem Kriegsgefangenenlager in einer ehemaligen Kaserne verbunden. Sie war ungenutzt, nur das Wachpersonal war darin untergebracht. Trotzdem mussten die Gefangenen im Freien kampieren. Sie gruben zu ihrem Schutz Erdlöcher. Der Mai 1945 war nass und kalt. Viele wurden krank, da sie auch erbarmungslos hungerten, einige starben.

Keiner wusste, dass die amerikanischen Truppen wieder abziehen würden, von den Treffen der Alliierten in Jalta und Teheran hatten die Deutschen nichts erfahren. Ich sah zufällig, wie das Sternenbanner der Kommandantur eingezogen wurde und Soldaten LKW beluden. Alle Schulen waren als Lazarette eingerichtet gewesen, jetzt wurden sie geräumt, ebenso verschwand das Gefangenenlager. Naumburg muss einige Tage ohne Besatzung gewesen sein. Die Verwunderung, die Unsicherheit waren groß.

Am 2. Juli zogen zu aller Überraschung und Entsetzen vieler Rotarmisten in Naumburg ein. Nach der hochtechnisierten amerikanischen Truppe kamen die Rotgardisten mit Panjewagen und Pferdchen, wie wir sie noch nie gesehen hatten und an Bilder aus dem Dreißigjährigen Krieg erinnerten. Die Soldaten waren kahlköpfig wie aus deutschem Gefängnis Entlassene, und die Uniformen ungepflegt zu nennen, wäre untertrieben.

Die erste direkte Begegnung war der Besuch eines Offiziers mit einem Dolmetscher in unserem Mehrfamilienhaus. Ohne Erklärung wurde in jeder Wohnung gefragt: „Wieviel Zimmer, wieviel Personen?“ Wenn nach Meinung des Offiziers das jeweilige Verhältnis nicht stimmte, beschlagnahmte er ein Zimmer, und der Dolmetscher informierte die Mieter, dass ein sowjetischer Offizier einziehen werde. Ein Schock! Die „überzähligen“ Räume waren die ehemaligen Kinderzimmer der Söhne und Töchter, die kriegsbedingt noch abwesend waren.

Diese Besatzer warfen keinen aus der Wohnung oder dem Haus, wie wir es erlebt hatten, sie zogen mit ein. Nach einer Woche wirkte die Gemeinschaft noch befremdlich, aber niemand mehr hatte Angst. Die Offiziere gingen morgens aus dem Haus und kamen am späten Nachmittag wieder und blieben danach unsichtbar. Im Laufe des Tages kam jeweils ein Soldat, der wahrscheinlich das Zimmer aufräumte und vielleicht für Essen sorgte. In unserem Hof stand ein LKW, in dem ein Soldat mit seinem Hund Kruschok hauste. Der scherzte mit den Kindern, verschenkte Kürbiskerne und verwöhnte seinen Hund, der ihm wahrscheinlich ferne Eltern, Geschwister und Freunde ersetzte. Auffallend war die unglaubliche Armut. Wann die Offiziere wieder auszogen, weiß ich nicht mehr, aber es war noch im Sommer. Keiner beklagte sich, die gefürchteten Offiziere hatten wohl ihre Gastgeber wider Willen einfach übersehen.

Im August verursachte die Meldung vom Abwurf der Atombomben in Japan Entsetzen. Wenn die Bomben auf deutsche Städte gefallen wären! Heute wissen wir, das wäre nie passiert. Die US-Amerikaner wollten doch in Europa Fuß fassen, also passten keine atomar strahlenden Zonen. Heute werden die Bomben zu meinem Entsetzen als Friedensbomben bezeichnet.

Im Oktober veränderte sich mein Leben völlig. Nach einer Schulreform begann wieder der Unterricht, aber alles war anders. Wir hatten keine Schulbücher mehr, sondern mussten lernen mitzuschreiben, was uns vermittelt wurde. Papier in jeder Form war knapp, sehr knapp. Für die deutschen Soldaten hatte es sogenannte Feldpostbriefe gegeben, A5, vorn mit Beschriftung für Adresse und Absender, die Rückseite glatt weiß mit Kleberand. Zum Glück hatte meine Mutter einen Stapel solchen Schatzes ergattert. Ich benutzte ihn das ganze 9. Schuljahr für meine Mitschriften in Geschichte. Neu war auch die Einführung des Russischunterrichtes, aber da Fachlehrer fehlten, lernte ich erst im elften Schuljahr im Anfangsunterricht diese Fremdsprache, was ich heute noch bedaure. Neben Deutsch und Englisch, zwei germanischen Sprachen, fand ich die slawische außerordentlich interessant. Heute als Zumutung betrachtet, halte ich den Unterricht der Amts- und Muttersprache unserer Besatzungsmacht für selbstverständlich. Die Engländer und US-Amerikaner brauchten es nicht, Englisch war und ist die erste Fremdsprache an höheren deutschen Schulen.

Ich hadere nicht mit meinem Schicksal, weil ich 1945 gezwungen wurde, in der SBZ (Sowjetisch besetzte Zone) bzw. in der DDR mein Leben zu fristen. Mängel zwangen zu Kreativität, zu Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit. In der DDR wurden Bildung und Kultur gefördert nach sowjetischem Vorbild. Ich bin den Kulturoffizieren dankbar, die eine Anzahl Gemälde der Dresdner Galerie Alte Meister retteten, darunter die Sixtinische Madonna. Deutsche Kommunisten wollten das Gesamtwerk Fontanes dem Feuer übergeben, weil er zu preußenfreundlich war. Kulturoffiziere verhinderten es. Sie und viele Dolmetscher waren gebildete Männer, meist Russen und Weißrussen, weniger Ukrainer, wahrscheinlich weil sie ablehnten, russisch zu sprechen.

Der ideologische Druck, dem wir ausgesetzt waren, ging eher von deutschen Kommunisten, Genossen der SED, aus als von der Besatzungsmacht wie in dem Buch Das schweigende Klassenzimmer dargestellt. Kommunisten, die aus dem KZ, dem Zuchthaus oder der Illegalität kamen, reagierten hasserfüllt auf jeden Widerspruch.

Auf Reisen in die SU sah ich, dass die Russen viel bescheidener und ärmlicher lebten als wir DDR-Bürger, die Sieger schlechter als die Besiegten, trotzdem begegneten sie uns freundlich und aufgeschlossen, nie nachtragend. Allerdings fragten die meisten: „Ost oder West?“ Gorbatschow unterschrieb den Zwei-Plus-Vier-Vertrag, und 1993 zogen die letzten sowjetischen Soldaten ab. Er stellte eine Bedingung, die allerdings nicht vertraglich festgehalten, sondern nur aktenkundig gemacht wurde. Gorbatschow wollte die Osterweiterung der NATO verhindern, was leider nicht gelang.

Und hier die Erinnerungen von Gisela Kroll als PDF zum Herunterladen:

Vonadmin