Christiane Reymann im Gespräch mit dem Schriftsteller und Essayisten Michael Schneider
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Christiane Reymann: Michael, Du gehörst seit mehr als 25 Jahren dem von Günter Grass und Egon Bahr gegründeten Willy-Brandt-Kreis e.V. an. Wie hätte der Sozialdemokrat Egon Bahr, würde er heute noch leben, wohl die von Olav Scholz und seiner Partei eingeläutete sog. Zeitenwende beurteilt?
Michael Schneider: Egon Bahr wäre entsetzt gewesen, dass fast die gesamte politische Klasse unseres Landes, einschließlich der Repräsentanten seiner eigenen Partei, der SPD, sowie die tonangebenden Medien quasi einer neuen McCarthy-Stimmung verfallen sind, in der statt Fakten nur noch Bekenntnisse zählen: Bist du für Sanktionen gegen Russland oder bist du ein Putin-Versteher? Zu den politischen Grundprinzipien Egon Bahrs, dem Vordenker der neuen Ost- und Entspannungspolitik unter der Kanzlerschaft Willy Brandts, gehörte die Forderung, immer auch die Interessen, Ängste und Bedrohungsgefühle der anderen Seite zu berücksichtigen. Diese Haltung sei „rasend unbequem, aber alternativlos.“
Lange Zeit war es unter deutschen Politikern, Wissenschaftlern, Journalisten und Bürgern Konsens, dass Deutschland als Mitverursacher des Ersten und als Alleinverursacher des Zweiten Weltkrieges eine besondere Verantwortung zur Sicherung des Friedens in Europa und auf der Welt hat und dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen darf – wie das Credo Willy Brandts lautete. In diesem Bewusstsein, diesem parteiübergreifenden Konsens ist meine Generation, die Kriegskinder-Generation, aufgewachsen. Dieser Konsens hat unser politisches Denken und Handeln, auch das der 68er-Generation geprägt. Dass er längst aufgekündigt wurde, dass die deutsche Regierung, erst die von Olav Scholz, jetzt die von Friedrich Merz, durch die Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine, flankiert durch eine immer gehässiger werdende antirussische Propaganda, de facto zur Kriegspartei geworden ist – dies hat mich zutiefst bestürzt, ja, fassungslos gemacht.
Christiane Reymann: Wie aber konnte es so weit kommen? Welche Rolle hat die Ost-Ausdehnung der NATO bis an die Grenzen der Russischen Föderation gespielt?
Michael Schneider: Die westliche Darstellung des Ukraine-Krieges lautet, dass es sich um einen „unprovozierten Angriff“ Putins handelt, der das russische Imperium wiederherstellen will. Die wahre Geschichte beginnt jedoch mit dem Versprechen des Westens an den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow, die NATO werde sich nicht nach Osten ausdehnen, gefolgt von vier Wellen der NATO-Erweiterung. Während seiner ersten Amtszeit ist Putin mit offenen Armen auf Deutschland und seine Politiker zugegangen. Ich erinnere mich noch gut: Am 25. September 2001 war Putin in den deutschen Bundestag eingeladen, um seine Strategie für das künftige Europa vorzustellen. Ausgehend von Michael Gorbatschows Vision vom gemeinsames Haus Europa sprach der damals noch junge russische Präsident in fließendem Deutsch von der Notwendigkeit einer gemeinsamen Sicherheitspartnerschaft zwischen der EU, Deutschland und der Russischen Föderation und schlug eine eurasische Wirtschaftsgemeinschaft vor, die von Wladiwostok bis Lissabon reichen sollte.
Christiane Reymann: Seine Rede wurde damals von den Bundestagsabgeordneten mit stehenden Ovationen bedacht.
Michael Schneider: Und wer wollte in Zweifel ziehen, dass die Umsetzung von Putins Vision eine solide Basis nicht nur für die gemeinsame Sicherheit Europas und Russlands, sondern auch für eine weitreichende wirtschaftliche Kooperation gewesen wäre, die für beide Seiten höchst vorteilhaft hätte sein können! Wäre das rohstoffreiche Russland doch ein höchst potenter Handelspartner gewesen und hätte riesige Investitionsmöglichkeiten für die deutsche und europäische Wirtschaft geboten.
Christiane Reimann: „Wäre, hätte…“ Leider ist hier nur noch der Konjunktiv angebracht, nachdem die jahrzehntelange, für Deutschlands Wirtschaft so günstige Energiepartnerschaft mit Russland durch die Sprengung der Nordstream-Pipelines gewaltsam beendet wurde. Und was ist nach Putins großer Offerte geschehen? Nichts, was seinen weitsichtigen Überlegungen ernsthaft Rechnung getragen hätte. Im Gegenteil: die NATO- und EU-Osterweiterungen gingen seit 1990, ungeachtet immer wieder formulierter russischer Sicherheitsbedenken und Warnungen, im Sauseschritt voran. Die der Ukraine in Aussicht gestellte NATO-Mitgliedschaft war für Putin schließlich die rote Linie. Wie sagt doch Niccolò Machiavelli: Nicht wer als erster die Waffen ergreift, ist Anstifter des Unheils, sondern wer dazu nötigt.
Michael Schneider: Das Problem dabei ist allerdings: Indem Russland die andauernden Provokationen des US-geführten Westens und der NATO, angefangen mit dem US-lanzierten Majdan-Putsch 2014 bis zum ukrainischen Dauerbeschuss der abtrünnigen und mehrheitlich russischsprachigen Provinzen Donbass und Luhansk, zuletzt mit einem völkerrechtwidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine beantwortete, hat es sich selbst augenscheinlich ins Unrecht gesetzt. Angesichts der russischen Aggression verblassten auf einmal all die Untaten und Verbrechen in den zahllosen Kriegen, die die USA geführt haben und die sie auch jetzt wieder führen. Allein die Bilanz des glorreichen, fast zehnjährigen US-„Krieges gegen den Terror“ waren Hunderttausende von Toten, Millionen Flüchtlinge und immer neue failed states.
Christiane Reymann: In einem kürzlich veröffentlichten Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland hat Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr, behauptet: Russland begreift Krieg als Kontinuum und denkt nicht in den Kategorien von Frieden, Krise und Krieg, wie wir das machen.1
Ich musste beinahe lachen, als ich das las: Ist es doch in Wirklichkeit genau umgekehrt: Die USA haben – laut dem Wissenschaftlichen Dienst des US-Kongresses – von 1992 bis 2022, um die 200 mal in anderen Ländern militärisch interveniert. Deshalb hat der in dieser Hinsicht „ehrlichere“ Trump seinen Verteidigungsminister Pete Hegseth auch in „Kriegsminister“ umbenannt.
Michael Schdneider: Hätten wir Deutschen auch nur annähernd ein historisches Gedächtnis bewahrt über das ungeheure Leid, das wir Europa und insbesondere den Russen im 2. Weltkrieg zugefügt haben, dann könnten wir uns jetzt nicht einer militärischen Aufrüstung verschreiben, die schon wieder, nach zwei Weltkriegen zum dritten Mal, gegen Russland gerichtet ist – ganz abgesehen davon, dass das riesige Russland beide Male nicht zu besiegen war.
Christiane Reymann: Dann könnten wir auch nicht in eine von Politik und Medien geschürte Russophobie verfallen, die dazu führte, dass russische Künstler ausgeladen, russische Dirigenten und russische Sängerinnen, selbst russische Komponisten wie Tschaikowski aus unseren Konzertsälen verbannt und russische Sportler von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden. Wie ist dies alles möglich – wenn nicht durch eine weitgehende Geschichtsvergessenheit unserer Landsleute!
Michael Schneider: Einen der Spitzenplätze in der antirussischen Hetze eroberte sich unbestritten Florence Gaub. Die Politologin und selbsternannte Sicherheitsexpertin erklärte in einer ZDF-Talkschow mit Markus Lanz: Wir dürfen nicht vergessen, wenn Russen europäisch aussehen, dass es keine Europäer sind – jetzt im kulturellen Sinn –, die einen anderen Bezug zur Gewalt haben, die einen anderen Bezug zum Tod haben.2
Im ersten Moment glaubte ich, mich verhört zu haben. Von hier aus scheint es tatsächlich nicht mehr weit bis zum „russischen Untermenschen“. Wäre ich Gast in dieser unsäglichen Talkshow gewesen, hätte ich Frau Gaub gefragt: „Wissen Sie nicht, dass bei der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht über eine Million Leningrader Bürger verhungert sind?3 Ist es da nicht reichlich zynisch zu behaupten, die Russen hätten einen anderen Bezug zu Gewalt und Tod „als wir Europäer“?!“
Viermal in den letzten zwei Jahrhunderten wurde Russland von europäischen Großmächten angegriffen: Zuerst von Napoleon, ein Jahrhundert später vom Deutschen Kaiserreich. Wenig später, nach der Oktoberrevolution, griffen 14 Staaten, unter ihnen Deutschland, Frankreich, England, Japan und die USA, in den Interventionskriegen die junge Sowjetunion von allen Seiten an. Und schließlich 1941 brach durch das „Dritte Reich“ der grausamste Eroberungs- und Ausrottungsfeldzug der Weltgeschichte über das Land herein, den der Osteuropa-historiker Jochen Hellbeck „einen Krieg wie kein anderer“ nennt.4
Christiane Reymann: Nicht von ungefähr lautet der berühmte wiederkehrende Vers aus Paul Celans Todesfuge: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland…In Deutschland ist der Russlandfeldzug der deutschen Wehrmacht inzwischen so gut wie vergessen. Die junge Generation von heute weiß fast nicht mehr darüber. Du aber hast dich in mehreren Büchern intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Wie kamst du dazu? Woher dein besonderes Interesse gerade an diesem Thema?
Michael Schneider: Ich hatte die exzeptionelle Gelegenheit, als Gast des sowjetischen Schriftstellerverbandes im Sommer 1987 und 1988 gemeinsam mit meiner Frau und unserem sowjetischen Reisegefährten, den Schriftsteller Rady Fish, für mehrere Monate kreuz und quer die Sowjetunion zu bereisen. Es war die Zeit der Gorbatschowschen Reformen, von Glasnost und Perestroika. Durch Rady Fish, der mit 19 Jahren als Leutnant der Marine-Infanterie gegen die Deutschen gekämpft hat und nach 1945 als sowjetischer Besatzungsoffizier nach Berlin gekommen war, lernten wir viele Männer und Frauen der sowjetischen Kriegsgeneration kennen: Ehemalige Soldaten und Partisanen, Chronisten und Augenzeugen der verbrannten Dörfer, Überlebende der Aushungerung Leningrads, ehemalige russische „Ostarbeiter“ und Kriegsgefangene, die die deutschen Lager überlebt hatten. Ich führte mit ihnen viele Interviews und stellte ihnen regelmäßig die Frage, wie sie den deutschen Überfall und die deutsche Okkupation erlebt haben.
Dabei stellten wir fest, dass wir – obschon über die sowjetische Geschichte sonst gut informiert – kaum eine Vorstellung davon hatten, was der deutsche Überfall und das faschistische Besatzungsregime für die sowjetischen Völker bedeutet haben: Von Riga bis Leningrad, von Kiew bis Rostow, vom Baltikum über Belorussland bis zur Ukraine – soweit die deutsche Okkupation reichte, hat sie sich als kollektives Trauma in das Gedächtnis der Russen und der anderen Völker der Sowjetunion eingebrannt. Was bei uns verleugnet, beschönigt oder verdrängt wird, ist dort noch immer Gegenwart, bewusst gemachte und wachgehaltene, schmerzhafte Erinnerung. An den Großen Vaterländischen Krieg, an den ungeheuren Verlust von 27 Millionen Menschen, den die sowjetischen Völker im Kampf gegen die Hitler-Armeen erlitten, an die vielen Millionen Opfer des Nazi-Terrors in den besetzten Gebieten erinnern nicht nur zahllose Denkmäler und Gedenkstätten, Museen und Ausstellungen, ungezählte Bücher und Filme, sondern auch jede zweite sowjetische Wohnstube, wo die gerahmten Fotografien der gefallenen und vermissten, ermordeten oder verhungerten Angehörigen hängen.5
Für uns verblüffend, verband sich diese Kultur der Erinnerung keineswegs mit antideutschen Ressentiments oder deutsch-feindlichem Verhalten. Im Gegenteil brachten die gebildeten Russinnen und Russen, denen wir begegneten, gerade der deutschen Kultur eine besondere Wertschätzung entgegen – ein Missverhältnis, das uns zuweilen ebenso beschämte wie die uneingeschränkte Gastfreundschaft und Herzlichkeit, mit der wir überall aufgenommen wurden.
Im Frühjahr 1988 kam dann unser russischer Freund zum Gegenbesuch in die Bundesrepublik. Er war besonders an Begegnungen mit deutschen Kriegsveteranen interessiert, die am Russlandfeldzug teilgenommen hatten. Dabei machte er die Erfahrung, dass nur sehr wenige bereit oder fähig waren, über dieses Thema zu sprechen, und dass die meisten Bundesbürger, die älteren wie die jüngeren, gar nicht wissen, was sich unter der deutschen Besatzung in der Sowjetunion abgespielt hat. Auch fiel ihm bei unserer gemeinsamen Reise durch die Bundesrepublik auf, dass es kaum Erinnerungsspuren an die sowjetischen Opfer des deutschen Vernichtungsfeldzuges im Alltag, im politischen und kulturellen Leben gibt, während der jüdischen Opfer in vielfältiger Weise gedacht wird. Was von den sowjetischen Völkern als kollektives Trauma erlitten wurde und sich unauslöschlich ihrem kulturellen Langzeit-Gedächtnis eingegraben hat, das ist bei uns offenbar einer kollektiven Amnesie anheimgefallen.
Wo zum Beispiel sind die Gedenkstätten oder Mahnmale, die an die 3,3 Millionen (von den insgesamt 5,7 Millionen) russischer Kriegsgefangenen erinnern, die in deutschen KZs, Gefangenen- und Arbeitslagern durch Arbeit vernichtet, verhungert, erschossen, vergast oder durch Misshandlungen zu Tode gebracht wurden? Nicht nur Auschwitz und Treblinka, auch die deutschen Lager für sowjetische Kriegsgefangene mit ihrer durchschnittlichen Sterbequote von fast 60 Prozent muss man als Todes -und Vernichtungslager qualifizieren.
Christiane Reymann: Und warum gibt es in Deutschland zwar ein zentrales Denkmal für die ermordeten Juden Europas, gibt es ein Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung, aber kein einziges Denkmal für die über eine Million Leningrader Einwohner, die durch die deutsche Blockade ihrer Stadt, die meisten davon Frauen und Mütter, die samt ihren Kindern verhungert sind?
Michael Schneider. Die meisten älteren Bundesbürger – die Jüngeren sind in der Regel noch ahnungsloser und geschichtsvergessener als ihre Altvorderen – gehen noch heute von der irrigen Vorstellung aus, die 27 Millionen Toten auf sowjetischer Seite seien Opfer „normaler Kriegshandlungen“ gewesen. Mindestens sieben bis acht Millionen – manche Historiker sprechen von 10 Millionen – sind jedoch außerhalb der eigentlichen Kampfhandlungen zu Tode gekommen, ein Tatbestand, der es wohl rechtfertigt, von Völkermord zu sprechen.
Christiane Reymann:
Zu den unverwüstlichen Legenden über den Russlandfeldzug gehört bis heute die Behauptung, die deutsche Wehrmacht habe im Osten einen rein militärischen Krieg geführt, während die Vernichtungsaktionen, von denen der normale Kriegsteilnehmer ohnehin nichts gewusst habe, allein von den im Rücken der Front operierenden Einsatzkommandos der SS und des SD verübt worden seien. Was ist von dieser Behauptung zu halten?
Michael Schneider:
Tatsache ist, dass mehrere Millionen Sowjetbürger außerhalb der eigentlichen Kampf- und Kriegshandlungen als Freischärler, Partisanenverdächtige, Saboteure und Geiseln erschossen oder im Zuge kollektiver Vergeltungsmaßnahmen wie dem Niederbrennen ganzer Dörfer und Ortschaften umgebracht worden sind. Allein in Weißrussland sind auf diese Weise 628 Dörfer mit fast allen Einwohnern vernichtet worden – auch dies war eine Art Auschwitz. Der sog. Kriegsgerichtsbarkeitserlass gab den Wehrmachts- und SS- Angehörigen dabei die Sicherheit, dass keiner von ihnen zur Rechenschaft gezogen wurde, wenn sie Russen und Juden außerhalb von direkten Kampfhandlungen umbrachten.6
In vielen nachgewiesenen Fällen stellten Wehrmachtseinheiten bei Massenerschießungen
Absperrkommandos auf und halfen bei der Durchkämmung der besetzten Städte
und Gebiete. Gut dokumentiert ist beispielsweise die mörderische Beihilfe von Teilen der Wehrmacht im Falle des Massakers von Babi Jar am 30. September 1941, da Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und des SD innerhalb von 48 Stunden mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder ermordeten.7
Nicht nur der Holocaust war ein weltgeschichtlich singuläres Verbrechen; singulär war auch die parallel stattfindende und ungeheuer brutale deutsche Kriegsführung im Osten, die sich – im Unterschied zu dem an den Westfronten geführten Krieg und im Unterschied zum deutschen Ostfeldzug im 1. Weltkrieg – über alle bis dahin geltenden Normen des Kriegsvölkerrechts hinwegsetzte.8
Christiane Reymann: Nach meinem Eindruck hat sich das antibolschewistische Feindbild, das die nationalsozialistische Propaganda in die Köpfe der Deutschen gehämmert hatte, nach dem Zusammenbruch des NS-Staates durch die kollektiven Strafängste noch potenziert, die sich nun mit dem Bild „des Russen“ als Sieger, Richter und Rächer verbanden.
Michael Schneider:
In dem oberbayerischen Dorf Grainau, wohin es meine aus Königsberg geflüchtete Familie im Winter 1944/45 verschlagen hatte, hörte ich schon als Vier- und Fünfjähriger Greuelgeschichten über die Russen, die die Grausamkeit der Grimmschen Märchen bei weitem übertrafen. Dass die Russen deutsche Bauern an Scheunentüren nagelten, deutschen Müttern den Bauch aufschlitzten und deutsche Kinder mit der Zunge an Tische und Stühle nagelten, solche und ähnliche Schauergeschichten verband ich als Kind ganz organisch mit der Vorstellung der Hölle, die in meiner kindlichen Vorstellung ausschließlich mit armen deutschen Sündern und russischen Teufeln bevölkert sein musste.
Erst sehr viel später habe ich begriffen, dass die damals überall grassierenden Greuelmärchen über die Russen zu großen Teilen auf Projektionen beruhten. Zwar ist es eine Tatsache, dass Plünderungen, Lynchjustiz, Vergewaltigungen deutscher Frauen durch die sowjetischen Soldaten in den ersten Tagen der Besatzung an der Tagesordnung waren; Tatsache ist aber auch, dass diese Ausschreitungen gern als Bestätigung des vermeintlichen Untermenschentums der Slawen und der Bolschewiken gedeutet wurden. Viele Nachkriegsdeutsche hatten ein unausgesprochenes Interesse daran, einzelne Exzesse der sowjetischen Besatzungsmacht ins Unermessliche und Monströse zu steigern, um dem Antibolschewismus und Antislawismus, um derentwillen sie in den Krieg gezogen waren, eine posthume Rechtfertigung zu verschaffen. Und natürlich suchten sie sich von ihren eigenen latenten oder verdrängten Schuldgefühlen zu entlasten, indem sie die Verbrechen, die sie selbst als Soldaten der deutschen Wehrmacht oder als Mitglieder der sog. Sonder- und Einsatzkommandos an der russischen Zivilbevölkerung verübt hatten, auf die russischen Sieger projizierten, von denen sie nun ein Gleiches erwarteten.
Wenn ich mit den Nachbarkindern Krieg spielte, und wir mit unseren Holzgewehren und Holzschleudern aufeinander losgingen, dann war der Verlierer, der, welcher totgeschossen werden musste, immer der Russe. So gingen wir Kinder als Sieger aus einem gespielten Krieg hervor, den unsere Väter zum Glück im Ernst verloren hatten. Wir spielten Stalingrad mit verteilten Rollen, aber so, dass sich der Russe am Ende immer ergeben musste. Wahrscheinlich lag es an dieser spielerischen Umkehrung der wirklichen Geschichte, dass dieses Spiel auch die grimme Sympathie vieler Erwachsenen fand.
Dieses kindliche Hineinwachsen in die Täter-Opfer-Umkehr der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft fand ich in späteren Jahren vom Hamburger Psychoanalytiker Carl Nedelmann auf den Punkt gebracht:
Vom kollektiven Verhalten – benehmen wir uns noch immer so, als wären nicht wir es gewesen, die die Sowjetunion überfallen, an den Rand einer Niederlage gebracht und mit unsäglichem Leid überzogen haben. Die Schuld haben wir nicht auf uns genommen, sondern verdrängt, abgespalten, verschoben und projiziert. Dieser Abwehrvorgang wurde durch die Erinnerung an das Leid, das die Russen uns bei der Einnahme angetan haben, gebahnt und verfestigt. Immer noch trauen wir den Russen zu, was sie uns angetan haben, aber unbewusst bürden wir Ihnen zusätzlich in projektiver Verkehrung auf, was wir ihnen angetan haben.9
Christiane Reymann:
Diese projektive Verkehrung war bezeichnend für die deutsche Kriegsgeneration und ein weit verbreitetes Stereotyp der Adenauer-Ära. Und sie wird offenbar von einer Generation an die nächste weitergegeben. Sonst könnten die heute regierenden geschichtsvergessenen Enkel und Kindeskinder der NS-Kriegsväter Putin nicht einfach unterstellen, er wolle den Status quo ante der Sowjetunion wiederherstellen und nach der Ukraine – wer weiß – vielleicht das Baltikum, Finnland oder sogar Deutschland überfallen.
Michael Schneider: Zwar haben die meisten älteren Nachkriegsdeutschen sich mit dem Holocaust auseinandergesetzt und diesen als singuläres Verbrechen anerkannt, aber der gleichzeitige systematische und planmäßige Völkermord an Russen und Slawen ist – trotz der großen und sehr verdienstvollen Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die 1995 durch Deutschland tourte und das Trugbild der sauberen Wehrmacht zerstörte – bis heute nicht wirklich ins Bewusstsein der (west)deutschen Mehrheitsbevölkerung gedrungen. Im Kalten Krieg waren die Russen wieder unsere Feinde – und jetzt, nach dem Krieg gegen die Ukraine, sind sie es wieder. Was wir Deutschen den Russen und anderen Völkern der Sowjetunion damals angetan haben, das wurde und wird bis heute generationenübergreifend verdrängt, verleugnet oder bagatellisiert. Das gilt auch für die sog. Babyboomer und die nachfolgenden Politiker-Generationen, für die Scholz, Habeck, Baerbock, Kiesewetter, Wadepuhl, Merz und Co.
Christiane Reymann: Anders sieht es in Ostdeutschland aus. Den DDR-Bürgern wurden die monströsen Fakten des Russland-Feldzugs und die ungeheuren Opfer-Zahlen wieder und wieder präsentiert. Hinzu kommt die reale Erfahrung mit den russischen Besatzern über Jahrzehnte, positive wie negative, sodass die rassistischen Klischees sich allmählich auflösen konnten. Offenbar darum findet die russophobe Stimmung, die seit dem Ukraine-Krieg in der Bundesrepublik verbreitet wird, im Osten Deutschlands deutlich weniger Resonanz.
Michael Schneider:
Obwohl es in der Hauptsache die Russen waren, die uns vom Faschismus befreit haben und dies mit einer ungeheuren Opferbilanz bezahlen mussten, werden die USA, die im Vergleich nur einige hunderttausend Soldaten verloren, bis heute als unsere eigentlichen Befreier betrachtet. Und wer es etwa wagt, am Jahrestag der Befreiung Deutschlands durch die Rote Armee am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin eine Gedenkrede zu halten und an die ungeheuren Opfer der russischen Völker im Kampf gegen den deutschen Faschismus zu erinnern, dem droht heute ein Prozess wegen Volksverhetzung. Zum 80. Jahrestag der Befreiung Deutschlands wurde sogar die Teilnahme von sowjetischen Ehrengästen und Zeitzeugen durch die deutsche Bundesregierung ausdrücklich untersagt. Wie sagte einst Tucholsky: Denn dies heißt Verkommenheit: Nicht mehr fühlen wie tief man gesunken ist!
1 Carsten Breuer im Interview mit Redaktionsnetzwerk Deutschland, zitiert in „Junge Welt“ ,4.Nov. 2025
2 Florence Gaub, ZDF-Sendung mit Markus Lanz, Frühjahr 2022
3 J.de Castro, Die Geopolitik des Hungers, in: Ales Adamowitsch/ Daniil Granin, Das Blockadebuch, Berlin (Ost) 1987,S.41/42
4 Jochen Hellbeck, Ein Krieg Wie Kein Anderer. Der deutsche Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion, Eine Revision Fischerverlage, 2025. Vgl. auch Michael Schneider, Das Unternehmen Barbarossa. Die verdrängte Erblast von 1941, Darmstadt 1989
5 Die Erlebnisse und die dokumentierten Interviews dieser wie auch der anschließenden gemeinsamen Reise durch die Bundesrepublik sind veröffentlicht in: Rady Fish/Michael Schneider, Iwan der Deutsche. Eine deutsch-sowjetische Reise aus der Vergangenheit in die Gegenwart, Darmstadt 1989.
6 Kriegsgerichtsbarkeitserlass vom 13. Mai 1941, abrufbar unter: https://www.google.com/search?q=kriegsgerichtsbarkeitserlass+1941&sca_esv=ae95eeef493796b7&sxsrf=ANbL-n5E7u88so2, abgerufen am 19.Märt 2026
7 Michael Schneider, „Das Unternehmen Barbarossa“,a.a.o. S.67/69
8 Gerd Überschär/Wolfram Wette /(Hrsg.) „Unternehmen Barbarossa“, Der Deutsche Überfall auf die Sowjeunion 1941, Paderborn 1984
9 Carl Nedelmann, Von deutscher Minderwertigkeit, in: Nedelmann (Hrsg.) Zur Psychoananlyse der nuklearen Bedrohung, Göttingen 1987, S. 29

