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Die Katze Mascha

Vonadmin

3. Juni 2026

Der Verein Erzgebirgsfreunde Russlands ist kulturell und politisch umtriebig. Er bietet zahlreiche Veranstaltungen an – von Reiseberichten, Buchlesungen, Wodka-Tasting bis Märchenstunden.  Und er hat das E-Book “Erinnerungen an deutsch-russische Begegnungen 1945 bis 1990” herausgegebenWer an der Arbeit des Vereins und/oder am E-Book interessiert ist, schreibe an diese Adresse: 

info@erzgebirgsfreunde-russlands.de

Aus dem E-Book haben wir, leicht gekürzt, die von Irene aufgeschriebene Geschichte von der Katze Mascha entnommen.

Wie in einem Brennglas erzählt Die Katze Mascha zugleich die Geschichte der Blockade Leningrads, September 1941 bis Januar 1944.

Die Katze Mascha

Es war im Jahre 1995, als ich eine Touristenreise nach St. Petersburg unternahm. Wir hatten einen langen Tag hinter uns. Unsere Reiseleiterin Olga hatte uns durch mehrere touristische Highlights der Stadt geführt. Im Hotel zurück merke ich, dass ich seit der Mittagsstunde noch keinen Bissen zu mir genommen habe. Mein Magen war ein leerer Beutel. Ich ging noch einmal in Richtung Newski Prospekt, um eine Stolowaja aufzusuchen. Stolowajas sind in Russland traditionelle Straßenrestaurants, wo man für wenig Geld recht gut essen kann. Meist liegen sie im Kellergeschoss der Häuserzeile. So auch die von mir erwählte Speisestube. Ich gehe einige Stufen hinab, in die „Stolowaja Nr.1“, direkt am Newski.

Die Preise sind äußerst moderat. An der Bar bestelle ich mir ein Bier der Marke „Newski“, Das Barmädchen hat mich als Deutsche ausgemacht und wünscht mir ein freundliches „Prosit“. Dann begebe ich mich zum Buffet. Ich nehme eine Schüssel Borschtsch und ein Pilzragout mit Buchweizengrütze. Dann suche ich mir einen ruhigen Platz in dem großen Restaurant. In einer Nische finde ich einen Tisch an dem eine ältere, weißhaarige Dame sitzt. Sie mag das 75ste Lebensjahr erreicht haben. Ich wünsche Russisch guten Abend und esse mit Appetit.

Die alte Dame mir gegenüber betrachtet mich freundlich. Sie hat einen schwarzen Tee vor sich stehen und einen Schwenker mit Weinbrand daneben. Später sehe ich, dass sie die Hand am unteren Teil des Stuhles hat. Dort steht eine Ledertasche aus dem ein Katzenköpfchen hervorschaut, welches sie gelegentlich krault. Als sie meinen erstaunten Blick sieht, sagt sie in bestem Deutsch, “das ist Mascha, sie begleitet mich immer“.

„Wie haben sie bemerkt, dass ich Deutsche bin?“, frage ich. „Dass sie Ausländerin sind, habe ich gemerkt, als sie an der Buchweizengrütze gerochen haben. Sie hat einen Duft, der für Ausländer ungewöhnlich ist. Dass sie Deutsche sind, habe ich an ihrem russisch gewünschtem ‘Guten Abend’ gehört, ‚dobri wjetscher‘. Die Deutschen können das ‚r‘ nicht rollen“. „Das haben sie aber gut beobachtet. Ich bin Irene aus Chemnitz.“ „Mein Name ist Martha Alexandrowna“, stellt sich die alte Dame vor. „Ich wohne gleich hier um die Ecke in einer Seitenstraße. Ich bin hier geboren und habe lange in Pulkowo, am Flughafen, als Servicekraft gearbeitet. Deshalb spreche ich Deutsch. Ich gehe am Abend immer ein wenig spazieren, um Mascha frische Luft zu verschaffen. Ab und an landen wir dann hier zu einem Tee und einem grusinischen Weinbrand.“

Sie fragt mich nach ‘woher und wohin’ und ich erzähle ihr ein bisschen über meine Reise. Dann frage ich, “sie lieben ihre Katze, man spürt ihr liebevolles, gutes Verhältnis zu dem Tier.“ „Ja“, sagt sie, „ich liebe Mascha, sie sieht genauso aus wie unsere Mascha, die uns vielleicht einmal das Leben gerettet hat.“ Ich schaue sie fragend an. „Ich will sie nicht langweilen, aber ich erzähle ihnen Maschas Geschichte, wenn sie noch ein Weilchen mit mir hier sitzen wollen.“

„Die Deutschen kamen, wie sie wissen, nicht immer als gebetene Gäste. Ich war sechs Jahre alt als ihre Flugzeuge über die Stadt dröhnten. Unsere Stadt war ihnen besonders verhasst, weil sie Lenins Namen trug. Hitler hatte beschlossen uns auszuhungern. Im September 1941 war die Stadt eingekesselt und von der Versorgung abgeschnitten. Mutter arbeitete als Kranführerin im Kirowwerk. Ich war klein, kann mich aber gut erinnern, wie die Bombenflugzeuge kamen. In der Nachbarwohnung war Onkel Wanja, ein Invalide. Er schaute nach mir und war mein Spielgefährte. Bald gab es Lebensmittelmarken. Als Arbeiterin im Rüstungsbetrieb erhielt Mutter am Anfang pro Tag eine Brotration von 600 Gramm. Das scheint viel. Aber es gab ja sonst fast nichts. Wenige Gramm Fett und Fleisch. Der Winter 1941 war schlimm.

So kalt war lange kein Winter gewesen. Wir heizten mit allem, was brennbar war. Möbel, Bücher, Treppengeländer, Holzdielen, Laub, Zweige. Einmal traf uns ein schreckliches Unglück. 14 Tage vor Monatsende verlor Mama auf dem Weg von der Arbeit einen Teil der Lebensmittelmarken. Wir waren verzweifelt. Zuerst half Onkel Wanja mit seiner Ration aus, aber das war fast nichts. Mama verkochte Tapetenleim, von dem noch ein Rest in unserer Schublade lag. Auch Papas Lederweste wurde fein zerschnitten und gekocht. Es gab ab diesem Winter in Leningrad weder Katzen noch Hunde, es gab weder Ratten noch Krähen. Der Hunger begann die Menschen einer ganzen Stadt zu fällen. Während der Blockadezeit starben eine Million Menschen an Hunger. Eines Tages war bei uns nichts mehr da, was zur Nahrung hätte dienen können. Da musste Onkel Wanja Mascha holen. Wir überlebten deshalb die Zeit, bis wir die nächsten Lebensmittelmarken erhielten. Bald starb Onkel Wanja.

Da war ich sieben Jahre alt. Trotzdem kam ich zur Schule. Es war noch Sommer. An eines kann ich mich gut erinnern. Im August 1942 wurde über alle Radiosender und die in der Stadt funktionierenden Lautsprecher die 7. Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch uraufgeführt. Sie war überall zu hören. Sogar die Deutschen hörten sie, an der Front, vor der Stadt. Ich glaube es graute ihnen, als aus der zerstörten, verhungerten Stadt klassische Musik erklang. Ich wußte nicht, dass es die „Leningrader Sinfonie“ war. Aber ich weiß bis heute, etwas Entscheidendes war geschehen, durch diese Musik, die das ganze Land hörte.

Im Herbst 1942 wurde ich mit anderen Kindern evakuiert. Mutter blieb, wir sahen uns erst nach Beendigung der Blockade 1944 wieder. Unser Haus war unversehrt geblieben. Als ich in unsere Wohnung kam, saß dort eine kleine Katze. Das war eine neue Mascha. Seither hat mich Mascha nie wieder verlassen. Sie ist vielleicht jetzt Mascha VI. Sie ist mein Leben.“

Ich habe keine Worte und Tränen in den Augen. Still gebe ich der alten Frau die Hand. Sie drückt mich sanft an sich. „Weine nicht Mädchen, verabschiede dich lieber auch von Mascha. Sie legt darauf sehr viel Wert. Auf Wiedersehen und schöne Reise durch unser großes Land. Möge es dir nur in guter Erinnerung bleiben und grüße alle anständigen Deutschen von mir und Mascha.“

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