und der Bericht “Aus der Geschichte meiner Familie”

Artur Gebauer – Aus der Geschichte meiner Familie
geschrieben von Rainer Gebauer
(am Ende des Textes befindet sich die PDF zum Herunterladen)
Artur Gebauer (der Bruder meines Großvaters) wurde im Juli 1916 als sechstes Kind einer Bauernfamilie in der Rhön geboren und in tiefer Religiosität erzogen. Er schreibt in seinen Lebenserinnerungen , dass er von dieser Glaubenskraft sein ganzes Leben lang, vor allem aber in den schweren Jahren des Krieges und der Gefangenschaft, zehren konnte.
„Die Jugendjahre waren hart: magere Nachkriegsjahre, zunehmende wirtschaftliche Nöte, Inflation,
Weltwirtschaftskrise, zuletzt 6 -7 Mio. Arbeitslose. Der Vater, ein angesehener Bauer, musste Frau und Kinder zur Arbeit herannehmen, um in der kargen Rhön den Erwerb zu sichern.“
Da die Eltern kein Geld für eine weiterführende Schule oder ein Studium hatten, begann er 1933 eine Banklehre bei einer kleinen Genossenschaftsbank und bekam im Umgang mit den Kunden „einen nachhalltgen Einblick in die bescheidenen Freuden und die großen Nöte“ der Menschen. Den wirtschaftlichen Aufschwung nach 1933 begrüßte er zwar ebenso wie alle, die damals die Not am eigenen Leibe verspürt haen. Doch er bewahrte sich eine kritische Distanz.
1936 fuhr er mit dem Fahrrad nach Nürnberg zum Reichsparteitag, war aber angewidert von dem hysterischen „Sieg-Heil-Geschrei“ und sah mit Sorge, dass „die Maßlosigkeit Hitlers und seiner Gefolgsleute bedrohliche Formen annahm“.
Im Herbst 1936 wurde er zum Reichsarbeitsdienst verpflichtet und musste ab 1937 Wehrdienst ableisten. Das Ende der Wehrpflicht fiel mit der allgemeinen Mobilmachung zusammen. Sta entlassen zu werden, musste er als Infanterist an die Westfront.
„Damit, so schreibt er, begannen die furchtbarsten Jahre und grausame Wirklichkeiten: Stellungskrieg, Vormarsch, Trommelfeuer, detonierende Granaten und Bomben, endlose Märsche, Flüchtlingselend, Verwundete und Gefallene auf beiden Seiten, zerschossene Dörfer und Städte.“…
„Statt Friede -Ausweitung des Krieges. Angriff auf Russland- Verlegung an die Osront. Im Juli 1942 während eines Angriffs in Richtung Kaukasus verwundet. Minensplitter in der linken Hand, mit der alten JU 52 in zwei Etappen über riesige Getreidefelder, Dörfer und Städte nach Deutschland.
Nun folgten Wochen des Friedens in der Geborgenheit des Lazares. Endlich wieder einmal Mensch sein: Saubere Wäsche, geregelter Tagesablauf, freundliche Schwestern, Ruhe zum Lesen. Draußen Sommersonne, Grün, Vogelgesang. Schlesien war bisher vom Krieg verschont geblieben, nur gelegentlich Luftalarm ohne Angriffe.“
Ab Ende 1942 versah er Dienst bei der Ersatztruppe. „Grausamstes Erlebnis im Herbst 1943 waren die Bombenangriffe auf Hannover. Ganze Stadeile wurden über Nacht zu Trümmerhaufen. Das Blatt hatte sich längst gewendet. Die Siegesmeldungen waren nur noch Tünche, verlustreiche Rückzüge an allen Fronten. Die letzten Reserven wurden eingesetzt.“
Er durfte vor erneuter Abstellung an die Ostfront im Herbst 1943 noch heiraten und wusste bei seinem Abschied, dass seine Frau ein Kind erwartet. Die Nachricht von der Geburt seiner Tochter erreichte ihn im Schützengraben, verwickelt in verlustreiche Abwehr- und Rückzugsgefechte. In der Nähe von Liepaja im heutigen Lettland endete am 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation, der Krieg. Der Marsch in die Gefangenschaft begann.
„Nun folgten Monate und Jahre (in Novgorod und Umgebung), die man nur schwer beschreiben kann. Stumpfsinnige und doch nicht sinnlose Arbeit, Überforderung bei schlechter Ernährung, auch die Bevölkerung litt große Not. Zum Hunger russische Kälte, lange keine Post nach und von der Heimat, zweimal schwer erkrankt und wieder genesen. Ab 1947 – Besserung der Lage.
Vielfältige Einsätze: beim Häuser- und Wegebau, im Wald, bei der Kartoffelernte und Schiffsbeladung, im Ton- und Kohleschacht, in der Lagerwäscherei, im Sägewerk.
Inzwischen -Gott sei Dank- Postverbindung mit der Heimat- wenn auch nur spärlich- und zahlreiche Begegnungen und Erlebnisse mit russischen Menschen, die von wahrem christlichem Geist geprägt waren. Jahr um Jahr verging.
Skoro domoi! Bald nach Hause.
Endlich, im April 1949 – nach 4 Jahren- Rücktransport nach Deutschland. Zwischen Einberufung zum
Reichsarbeitsdienst 1936 und der Rückkehr in die Heimat lagen rund 13 Jahre ‚Dienst fürs Vaterland‘ bzw. für Hitlers ‚Tausendjähriges Reich‘! Oder wofür? Was war aus unserem Deutschland geworden?“
Resümee: Den Kommunismus, den Bolschewismus sollten die deutschen Truppen besiegen, Russland von dieser ‚Pest‘ befreien. Und? Auf wen waren sie in diesem großen Land gestoßen? Auf Menschen! Wie überall an den Fronten in Westen, Norden und Süden. Auf Menschen, über die der Krieg Not und Elend brachte. Den ‚roten Kommissaren‘ waren ‚braune‘ gefolgt. Und Stalin fiel es nicht schwer, sein Volk zum ‚Großen Vaterländischen Krieg‘ aufzurufen.
Und später? Nach 1945? Obwohl das Land- vertragsbrüchig- überfallen und vom Krieg verwüstet war, fanden sich russische Menschen, die, selbst in bitterer Not, aus reiner Barmherzigkeit und aus Mitgefühl die Not deutscher Gefangener zu lindern versuchten und in so vielen Fällen auch tatsächlich linderten. Russische Menschen, vor allem Mütter, haben ihn, den Deutschen, gelehrt, was gelebtes Christentum in einem ‚atheistischen Land‘ ist.“
Ein neuer, nicht gerade leichter Lebensabschnitt begann. In den folgenden Jahren versuchte er, die vergangene Zeit und diese Erfahrungen innerlich aufzuarbeiten.
Später lebte er mit seiner Frau und zwei Söhnen in Frankfurt am Main und machte Karriere bei einer deutschen Großbank. Regelmäßig besuchte er sein Heimatdorf in der Rhön, auch zu DDR-Zeiten, wo wir ihn in den 80-er Jahren persönlich kennengelernt haben. Er hat sich gefreut, dass Rainer in Kiew studiert hat und sich sehr dafür interessiert, wie das (Studenten-)Leben dort war.
Es war symbolisch – An dem Tag, dem 30. November 1989, als ich Onkel Artur und seine Frau Gisela das erste Mal nach dem Mauerfall in Frankfurt am Main besuchen wollte, starb Alfred Herrhausen, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank bei einem Sprengstoffanschlag. Wir standen lange bei Frankfurt im Stau, ohne zu wissen, welchen Grund es dafür gab. Herrhausen setzte sich für einen Schuldenerlass für die Entwicklungsländer ein und reiste im Auftrag von Helmut Kohl auch nach Russland und trug zur Vergabe von Krediten an die Sowjetunion bei.
Für Artur wurde die Zeit des Krieges und der Gefangenschaft und die Aussöhnung mit den Menschen, über die Deutschland so viel Not und Elend gebracht hatte, zu seinem Lebensthema. Er schrieb seine Erinnerungen nieder und verfasste zahlreiche Gedichte, die sich diesem Thema widmeten.
Artur bat mich, ein Gedicht, dass er geschrieben hatte und bereits in die französische und englische Sprache übersetzen ließ, auch ins Russische zu übertragen. Es ist diesem Text beigefügt.
Ich danke seiner Familie, dass sie mir seine Lebenserinnerungen zur Verfügung gestellt und die Veröffentlichung seiner Texte gestattet haben. Dort fand ich auch ein weiteres Gedicht mit dem Titel „Friedenshymne“, welches als Faksimile ebenfalls beigefügt ist.
Es sollte allen Kriegstreibern eine Mahnung sein!
Rainer Gebauer Wustrau im Dezember 2025

